Newsletter & Kolumnen von Avanti Papi


Kolumne MännerZeitung Juni 2011

Arbeiten, um zu leben statt leben, um zu arbeiten.

Da schläft also ein Fischer in einem Hafen und wird vom Klicken des Fotoaparates eines Touristen geweckt. Von diesem gefragt, warum er hier schlafe und nicht draussen auf dem Meer Fische fange, antwortet der Fischer nur: wozu? Er habe heute früh schon genügend Fische gefangen. „Aber“, so erwidert der Tourist, „wenn Sie noch einmal fahren, fangen sie mehr Fische, können diese verkaufen und vom Erlös ein neues Boot kaufen, schliesslich sogar ein zusätzliches Boot und so noch mehr Fische fangen und mit dem gesteigerten Gewinn eine kleine, wachsende Flotte aufbauen.“
„Wozu?“, fragt wiederum der Fischer.
„Weil“, erwiedert der Tourist, „Sie dann bald so reich sein werden, dass Sie entspannt im Hafen sitzen und zuschauen können, wie die anderen Fischer auf Meer fahren müssen“.
„Nun, das tat ich schon, bis Sie mich dabei mit ihrer Fragerei gestört haben“, entgegnet der Fischer gelassen.

Eine tolle Anekdote, die Heinrich Böll zum Tag der Arbeit 1963 geschrieben hat. Zum ersten Mal gelesen habe ich sie mit 16 Jahren in einem Deutschbuch im Gymnasium. In einem offiziellen Deutschbuch, wohlgemerkt. Die Geschichte gefiel mir sehr gut, hatte ich doch schon seit einiger Zeit begonnen, diese Haltung zu leben. Zugegebenermassen nicht aus wohlüberlegter Überzeugung, sondern eher intuitiv und von gewissen Substanzen unterstützt, auf welche ich nicht näher eingehen will. Nur soviel sei gesagt: Ich habe inhaliert!
So fand ich mich, in Ermangelung eines Hafens, häufig am Waldrand dösend, statt im Schulzimmer dem Unterricht folgend wieder.
Dies nicht zum Wohlgefallen meiner Lehrer und zum Schrecken meiner Eltern. Mit einer solchen Arbeitsmoral werde ich nicht mehr lange am Gymnasium bleiben können und ohne Matur und ohne Studium werde ich nicht das machen können, was ich mal wolle und was mich glücklich mache, wurde mir prophezeit. Nun, mit ihrer ersten Annahme lagen sie genau richtig, wie ich gestehen muss. Meine Leistungen sanken und mit ihnen der Notendurchschnitt und es war nur eine Frage der Zeit, bis ich die mir verhasste, weil ständig fordernde Institution verlassen musste und mich vier Jahre durch eine Berufslehre wand. Seither arbeite ich fast durchwegs Teilzeit und halte es immer noch gerne mit dem Fischer: Ich nehme mir Zeit für die Dinge, die mir wichtig sind und vergesse dabei nie, das dies, und nicht der materielle Wohlstand, der wahre Luxus ist. Und dies ohne Matur und ohne Studium. Natürlich gab und gibt es Situationen, in welchen mir das Fehlen der entsprechenden Diplome Wege versperrten, die ich gerne beschritten hätte. Doch immer gab es den einen oder anderen Ausweg und retroperspektiv (Sie sehen, Fremdwörter lernt man nicht nur an der Hochschule) gesehen, kann ich sagen, dass ich mit der Böllschen Arbeitsmoral ganz gut gefahren bin und dass mir meine Kinder dafür dankbar sind.

Nur etwas macht mir Sorgen. Was, wenn mein Sohn in der Schule auf eben diesen Text stösst und am Waldrand...

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